Muttertag oder Kummertag?
- Anja Bloch
- 10. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Wenn Feiertage alte Wunden sichtbar machen
Für manche Menschen ist Muttertag Frühstück ans Bett, Blumen und Familienzeit.
Für andere ist es ein Tag voller Schmerz, Leere oder Erinnerungen.
Und genau darüber möchte ich sprechen.
Denn nicht jeder Feiertag fühlt sich wie ein Feiertag an.
Während der Muttertag gesellschaftlich oft als liebevoller Familientag dargestellt wird, gibt es viele Frauen, für die dieser Tag schwierige Gefühle auslöst. Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch. Frauen, die ihre Mutter verloren haben. Frauen mit belastenden oder kontaktabgebrochenen Beziehungen zur Mutter. Frauen, die ein Kind verloren haben. Frauen, die sich emotional nie wirklich gesehen gefühlt haben.
Und manchmal merken wir erst an solchen Tagen, was wir sonst erfolgreich verdrängen.
Warum mich Muttertag traurig macht
Ich selbst habe keinen Kontakt zu meiner Mutter.
Lange Zeit fiel es mir schwer, darüber offen zu sprechen. Besonders rund um den Muttertag hatte ich oft das Gefühl, mit meinem Schmerz falsch zu sein. Schließlich soll man an diesem Tag dankbar sein. Dankbar für die Mutter. Für ihre Liebe. Für das, was sie geleistet hat.
Aber was passiert, wenn genau dieses Gefühl von Geborgenheit fehlt?
Dieses Jahr habe ich mir rund um den Muttertag bewusst ein Wochenende alleine genommen. Mein Partner ist mit den Kindern weggefahren, weil ich gemerkt habe, wie erschöpft ich bin. Ich habe mich eigentlich auf diese Zeit gefreut. Und gleichzeitig wurde ich immer melancholischer, je näher der Muttertag rückte.
Erst da wurde mir klar: Es ging gar nicht darum, den Tag alleine zu verbringen. Es ging um den Schmerz darüber, selbst keine Mutter zu haben, die sich wie ein emotionaler Rückhalt anfühlt.
Was mir fehlt, ist weniger eine perfekte Mutterrolle als vielmehr dieses Gefühl von bedingungsloser Unterstützung. Eine Person, die sagt:
„Du machst das gut.“
„Ich bin stolz auf dich.“
„Du musst nicht perfekt sein.“
Und gerade als Mutter kleiner Kinder merke ich manchmal besonders stark, wie sehr ich mir genau das gewünscht hätte.
Nicht jede Mutterbeziehung bedeutet Geborgenheit
Oft höre ich den Satz:
„Aber es ist doch deine Mutter.“
Und ja — das stimmt.
Aber nicht jede Mutterbeziehung bedeutet automatisch Liebe, Sicherheit oder emotionale Nähe. Manche Beziehungen sind belastend. Manche schmerzhaft. Manche geprägt von Ablehnung, Distanz oder emotionaler Vernachlässigung.
Eine Aussage meiner Mutter hat sich tief in mir eingebrannt:
„Du bist ein Mensch geworden, den ich nicht mehr lieben kann.“
Und lange Zeit habe ich das geglaubt.
Ich habe geglaubt, schwer zu lieben zu sein.
Heute weiß ich: Dieser Schmerz verschwindet nicht einfach. Aber wir können lernen, anders mit ihm umzugehen.
Heilung bedeutet nicht, dass nichts mehr weh tut
In meiner Arbeit als Coachin begegnen mir viele Frauen, die gelernt haben, Liebe, Anerkennung und das Gefühl „genug zu sein“ im Außen zu suchen.
Und vielleicht beginnt Heilung genau dort, wo wir lernen, uns selbst emotional nicht mehr zu verlassen.
Das bedeutet nicht toxische Positivität. Nicht, sich jeden Morgen vor den Spiegel zu stellen und zwanghaft positive Affirmationen aufzusagen. Und auch nicht, einmal Wellness zu machen und dann wieder zu funktionieren.
Es bedeutet vielmehr:
- Mitgefühl mit sich selbst zu entwickeln
- die eigene Trauer ernst zu nehmen
- Bedürfnisse wahrzunehmen
- sich selbst Halt zu geben
- liebevoller mit sich zu sprechen
Selbstliebe bedeutet nicht, dass nichts mehr weh tut.
Sondern dass wir anfangen, liebevoll mit unserem Schmerz umzugehen.
Vielleicht können wir nicht ändern, was uns gefehlt hat.
Aber wir können lernen, uns heute das zu geben, was wir damals gebraucht hätten.
Du bist mit diesen Gefühlen nicht allein
Wenn Muttertag für dich schwer ist, dann bist du nicht falsch.
Vielleicht braucht es heute keine Stärke.
Vielleicht braucht es heute einfach Mitgefühl — für dich selbst.
Denn mitten in der Rushhour des Lebens vergessen wir oft eines:
Dass auch unser Herz Aufmerksamkeit braucht.
Und vielleicht ist die wichtigste Beziehung in unserem Leben irgendwann die zu uns selbst. Nicht, weil wir niemanden brauchen. Sondern weil wir lernen dürfen, uns selbst nicht mehr zu verlassen.

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